Im ersten Beitrag dieser Reihe haben wir erklärt, was Dolibarr ist und warum es als Open-Source-ERP eine ernsthafte Alternative zu teuren Cloud-Lösungen darstellt. Heute geht es um die nächste Frage, die sich in der Praxis fast immer direkt anschließt: Was kann Dolibarr eigentlich — und wo hört der Standard auf?
Die kurze Antwort: Das Grundsystem ist solide, aber für den deutschen Markt reicht es nicht aus. Die etwas längere Antwort erklärt, warum wir bei B&R Stamm UG angefangen haben, eigene Module zu entwickeln — und wie daraus inzwischen ein ganzes Ökosystem geworden ist.
Was steckt in einem frisch installierten Dolibarr?
Direkt nach der Installation ist Dolibarr erst einmal leer. Das ist keine Schwäche, sondern Absicht: Das Grundsystem enthält nur den Kern — Datenbankrahmen, Benutzerrechte, REST-API und die grundlegenden Geschäftsobjekte. Alles andere wird als Modul aktiviert.
Das Prinzip ähnelt einem Android-Telefon ohne Apps: Die Plattform ist da, die Funktionen kommen durch Module dazu. Und genau wie beim Smartphone gibt es einen offiziellen Marktplatz — den DoliStore — sowie die Möglichkeit, eigene oder fremde Module von außen einzuspielen.
Die mitgelieferten Standard-Module decken die wichtigsten Bereiche eines kleinen Unternehmens ab: Kundenverwaltung, Angebote, Aufträge, Rechnungen, Einkauf, Lager, Projekte, einfache Buchhaltung. Für internationale Nutzung ist das ausreichend. Für Deutschland fehlt allerdings einiges.
Was fehlt im Standard — und warum
Dolibarr wird von einer internationalen Community entwickelt, die naturgemäß keine spezifischen Anforderungen des deutschen Steuer- und Handelsrechts im Fokus hat. Das führt zu konkreten Lücken:
Das Mahnwesen kennt keine Verzugszinsen nach § 288 BGB, keine automatische Zahlungsverrechnung nach § 367 BGB und keine gesetzestreue Handhabung der IST-Versteuerung. Die Umsatzsteuer-Voranmeldung berechnet bei IST-versteuerenden Unternehmen die Vorsteuer nach Zahlungsdatum statt nach Rechnungsdatum — das widerspricht § 15 UStG. Ein Jahresabschluss nach HGB existiert nicht. XRechnung und ZUGFeRD — Pflicht für Rechnungen an öffentliche Auftraggeber — sind im Standard nicht vorhanden. Ein GoBD-konformes Kassenbuch fehlt ebenso wie eine korrekte Anlagenbuchhaltung für den DACH-Raum.
Das sind keine Kleinigkeiten. Wer Dolibarr für ein deutsches Unternehmen produktiv nutzen will, kommt an Erweiterungen nicht vorbei.
Das B&R Stamm UG Modul-Ökosystem
Genau hier setzt unsere Arbeit an. Über die letzten Monate haben wir eine Reihe von Modulen entwickelt, die Dolibarr um die fehlenden deutschen Funktionen ergänzen. Dabei verfolgen wir einen klaren Ansatz: Jedes Modul muss eigenständig funktionieren, sich sauber in Dolibarr integrieren und — wo sinnvoll — mit anderen Modulen zusammenarbeiten.
Die folgende interaktive Übersicht zeigt das gesamte Ökosystem: vom Dolibarr-Kernsystem über die aktivierten Standard-Module bis zu unseren fertigen und geplanten Erweiterungen. Die Verbindungslinien zeigen, welche Module voneinander abhängen oder Daten austauschen. Ein Klick auf ein Modul hebt alle seine Verbindungen hervor.
Die Karte wird live aus unserer Dolibarr-Instanz geladen und zeigt immer den aktuellen Stand. Scroll zum Zoomen, Ziehen zum Verschieben, Klick auf ein Modul für Verbindungen.
Was bereits verfügbar ist
Die Module mit grünem Status sind bereits im produktiven Einsatz und direkt über unsere Website stamm-ug.de/software erhältlich. Im DoliStore sind Demo-Versionen geplant — Vollversionen folgen dort bei entsprechender Nachfrage.
Mahnwesen (v2.3.1) — Professionelles deutsches Mahnwesen mit vier Mahnstufen, automatischer Verzugszinsberechnung nach Basiszinssatz (§ 247 BGB), Zahlungsverrechnung nach § 367 BGB (Kosten vor Zinsen vor Hauptforderung), Skonto-Nachforderung und automatischer Erstellung von Mahnrechnungen im Dolibarr-Rechnungsmodul. Für Unternehmen mit IST-Versteuerung wird ab 2028 automatisch der erforderliche Hinweis auf die verzögerte Vorsteuerabzugsberechtigung des Schuldners ergänzt.
E-Rechnung / XRechnung (v1.0.0) — Export und Import von XRechnung (UBL 2.1) und ZUGFeRD. Validierung über den offiziellen KoSIT-Validator. Pflichtmodul für alle Unternehmen, die Rechnungen an öffentliche Auftraggeber stellen — seit November 2020 gesetzlich vorgeschrieben.
UStVA/UVA (v1.0.0) — Korrekte Umsatzsteuer-Voranmeldung für Deutschland und Österreich. Behebt den bekannten Fehler des Dolibarr-Standard-Steuermoduls bei der IST-Versteuerung: Vorsteuer wird nach Rechnungsdatum erfasst, nicht nach Zahlungsdatum. Alle offiziellen Kennzahlen (KZ 81, 86, 66, 83 u.a.) werden korrekt befüllt.
Jahresabschluss (v2.2.0) — Jahresabschluss für UG (haftungsbeschränkt) und GmbH nach HGB. Bilanz, Gewinn- und Verlustrechnung, Anhang. Integration mit der Dolibarr-Buchhaltung und dem Kassenbuch.
EÜR (v1.2.0) — Einnahmen-Überschuss-Rechnung nach § 4 Abs. 3 EStG für Freiberufler, Einzelkaufleute und Kleinunternehmen. Direkte Anbindung an die Dolibarr-Buchhaltung.
Anlagenbuchhaltung (v1.0.0) — AfA-Verwaltung für den DACH-Raum mit GWG-Behandlung und Anlagenspiegel. Ersetzt das experimentelle Standard-Anlagenverwaltungsmodul von Dolibarr.
Kassenbuch (v1.0.0) — GoBD-konformes elektronisches Kassenbuch mit SHA-256-Hash-Schutz, unveränderlichen Buchungen, Z-Abschluss (Tagesabschluss), Gutscheinverwaltung und DACH-Varianten. Direkte Integration in die Dolibarr-Buchhaltung.
DE-Regelungen (v1.1.0) — Infrastrukturmodul mit Basiszinssatz-Tabelle (§ 247 BGB), gesetzlichen Verzugszinssätzen und DACH-Bankarbeitstagen. Datenquelle für Mahnwesen und UStVA.
StammLicense (v1.3.0) — Zentrale Lizenzverwaltung für alle kostenpflichtigen B&R-Module. RSA-signierte Tokens, Domain-Binding, 10-Tage Offline-Cache, Demo-Modi.
Was in Entwicklung ist
Lohnabrechnung (v0.1.0) — Deutsche Lohn- und Gehaltsabrechnung für Betriebe mit bis zu 20 Mitarbeitern. DATEV-Export, ELSTER-Lohnsteueranmeldung geplant. Integration mit Reisekosten über die zentrale Exchange-Tabelle.
Reisekosten (v1.2.0) — Reisekostenabrechnung nach den geltenden VMA-Pauschalen (§ 9 EStG). Direkte Übergabe an die Lohnabrechnung.
DMS / GoBD-Archiv (v0.1.0) — Natives Dokumentenmanagementsystem mit GoBD-konformer Langzeitarchivierung (SHA-256, Append-only, Revisionssicherheit), OCR-Integration über Tesseract und KI-gestützter Klassifizierung über lokales Mistral-Modell.
OCR-Belege (v1.2.0) — Automatische Erkennung gescannter Belege. Extraktion von Betrag, Datum und Lieferant über Tesseract und lokales LLM. Asynchrone Verarbeitung über Dolibarr-Cronjob.
MultiCompany DE (v1.0.0) — Mandantenverwaltung für den DACH-Raum. SKR04 pro Mandant, gemeinsame Stammdaten, konforme Trennung. Ergänzt das Standard-Dolibarr-MultiCompany-Modul um die fehlenden deutschen Besonderheiten.
Wartungsprotokolle (v1.3.0) — GA/MSR-Wartungsprotokolle für Gebäudeautomation und technisches Facility Management. Checklisten, Wartungsintervalle, PDF-Protokollberichte. Direkt aus unserer eigenen TFM-Praxis entstanden.
DATANORM-Import (v1.0.0) — Import von DATANORM-Artikeldateien (Versionen 3, 4, 5) für die Elektro-, SHK- und Sanitärbranche. Automatische Artikelanlage und Preispflege.
Was als nächstes kommt
Die Module in der äußersten Schicht der Karte befinden sich in Planung. Im Mittelpunkt steht dabei der Aufbau eines vollständigen Handwerkersystems auf Dolibarr-Basis: GAEB-Import und -Export für Leistungsverzeichnisse, Kassensystem mit ZVT-Protokoll für EC-Kartenterminals, ELSTER-Direktanbindung für UStVA und Lohnsteueranmeldung sowie ein Zahlungsverkehrsmodul mit FinTS/HBCI-Bankanbindung und KI-gestütztem Transaktionsmatching.
Das Ziel: ein vollständig deutschlandkonformes ERP-System auf Open-Source-Basis, das für Handwerksbetriebe, Dienstleister und kleine Unternehmen tatsächlich einsatzbereit ist — ohne monatelange Einrichtungszeit und ohne fünfstellige Lizenzkosten.
In den nächsten Beiträgen
In den folgenden Artikeln dieser Reihe stellen wir die einzelnen Module im Detail vor: Was sie konkret lösen, wie sie funktionieren, was sie kosten und für wen sie gedacht sind. Den Anfang macht das Mahnwesen — das erste Modul, das wir produktiv eingesetzt haben, und das Modul, das in der Praxis den größten Unterschied macht.
Wer bis dahin Fragen hat oder sich für eine Demo interessiert: Über unser Support-System sind wir erreichbar. Interessenten können sich dort auch für einen Beta-Zugang zu den Modulen in Entwicklung vormerken lassen.
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